Antidekubitus-Hilfsmittel

BVMed zu neuem Kassenvertrag: "Auswahl des richtigen Dekubitus-Hilfsmittels muss individuell erfolgen"

Das "Dekubitus Forum" des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed) hat vor dem Hintergrund der neuen Vertragsveröffentlichung der AOK Nordwest zu Hilfsmitteln gegen Dekubitus darauf hingewiesen, dass die Dekubitusgrade nicht für die Produktzuordnungen genutzt werden dürfen. "Die ausschließliche Orientierung am Dekubitusgrad führt dazu, dass der Patient nicht das von ihm benötigte individuelle Produkt erhält. Der richtige Weg wäre, die Auswahl allein auf der Grundlage der Ergebnisse des Erhebungsbogens und gegebenenfalls auch entsprechend den Hinweisen aus dem Expertenstandard vorzunehmen", so die BVMed-Hilfsmittelexpertin Daniela Piossek. Nur so könne sichergestellt werden, dass der Patient auch das von ihm individuell benötigte Produkt erhält.

Bei der Vertragsveröffentlichung der AOK Nordwest handele es sich zwar um einen Verhandlungsvertrag nach § 127 Abs. 2 SGB V, was gegenüber den Ausschreibungen als positiv anzusehen sei. Aber der Vertrag spiegelt inhaltlich den Ausschreibungsvertrag der AOK Hessen wider, welcher als alleiniges Entscheidungskriterium die Dekubitusgrade zugrunde lege, so die BVMed-Experten. Die maßgebende europäische Organisation "European Pressure Ulcer Advisory Panel" (EPUAP) hatte dem Dekubitus Forum in der Vergangenheit bestätigt, dass die Dekubitus-Kategorien der EPUAP "ausdrücklich nicht entwickelt wurden, um spezielle Produkte einem festgestellten Druckgeschwür zuzuordnen".

Besonders bedenklich ist aus Sicht des BVMed, dass die AOK Nordwest in ihrem Vertrag nur zwei Pauschalen vorsieht. So werden alle Versorgungen von Patienten, die nicht die Versorgung eines Dekubitus Grad 4 darstellen, in einer Pauschale zusammengefasst. Damit wird erst bei Patienten mit vollständigem Gewebeverlust, mit freiliegenden Knochen, Sehnen oder Muskeln eine andere Pauschale und somit eine andere Versorgung vorgesehen. Hierin sieht das Dekubitus Forum nicht nur die individuelle notwendige Versorgung der Versicherten gefährdet, sondern eine akute Gefahr von Fehl- und Unterversorgungen der betroffenen Patienten.

Unter Dekubitus versteht man ein Druckgeschwür, das entsteht, wenn ständiger Druck auf bestimmte Hautareale deren Versorgung mit sauerstoffreichem Blut verhindert. Druckgeschwüre zählen zu den chronischen Wunden. Dekubitus stellt eine der größten Herausforderungen dar, mit denen sich die Medizin bei der Pflege immobiler Patienten auseinandersetzen muss. Betroffen sind in Deutschland rund 1,5 Millionen Menschen.

"Die Auswahl des richtigen Antidekubitus-Hilfsmittels ist entscheidend für eine hochwertige und zuverlässige Versorgung des betroffenen Patienten", so Piossek. Durch die von den Experten erarbeiteten, differenzierten Erhebungsbögen für Sitz- und Liegehilfen könnten die einzelnen Anforderungen in den jeweiligen Bereichen besser berücksichtigt werden als durch die pauschale Orientierung an Dekubitusgraden.

Das Dekubitus Forum, das von Mitgliedsunternehmen des BVMed-Fachbereichs "Hilfsmittel gegen Dekubitus" gegründet wurde, hat sich u. a. zum Ziel gesetzt, eine patientenorientierte Versorgung und Produktauswahl durch Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit zu unterstützen. Weitere Informationen zum Thema gibt es unter www.dekubitus-forum.de. Unter "Downloads" können hier auch die Erhebungsbögen heruntergeladen werden.
  • Weitere Artikel zum Thema
  • Halbzeitbilanz der GroKo

    Der BVMed bewertet die Halbzeitbilanz der Bundesregierung im Bereich der Gesundheitspolitik überwiegend positiv. "Es gab viele wichtige Schritte, insbesondere aus dem Haus von Gesundheitsminister Jens Spahn. Es gibt aber auch noch viele Aspekte auf der ToDo-Liste, die jetzt beherzt angegangen werden müssen", sagte der BVMed-Vorstandsvorsitzende Dr. Meinrad Lugan auf der Jahrespressekonferenz des Verbandes in Berlin Weiterlesen

  • "MedTech-Mittelstand benötigt verlässliche und pragmatische Unterstützung bei der Umsetzung der MDR"

    Der BVMed-Vorstandsvorsitzende Dr. Meinrad Lugan hat von der deutschen Gesundheitspolitik "eine verlässliche und pragmatische Unterstützung der überwiegend kleinen und mittelständischen Medizinprodukte-Unternehmen bei der Umsetzung der neuen EU-Medizinprodukte-Verordnung (MDR)" eingefordert. Denn die derzeitige Nichtumsetzbarkeit der MDR, die bereits ab Mai 2020 gelte, werde ansonsten "schmerzhafte Auswirkungen auf die mittelständische Struktur der MedTech-Branche haben und Defizite bei der Patientenversorgung mit Medizinprodukten auslösen", sagte Lugan im Panel "Gesundheitspolitik der GroKo – das Urteil der Leistungserbringer" auf dem Hauptstadtkongress Medizin & Gesundheit in Berlin. Weiterlesen

  • MdB Kühne: "Mehr Transparenz bei Kassen-Verhandlungen"

    Das Hilfsmittel-Reformgesetz HHVG war aus Sicht von Dr. Roy Kühne "ein erster Versuch, in den Hilfsmittelbereich Licht und Beachtung zu bringen". Das sagte der CDU-Bundestagsabgeordnete und Berichterstatter seiner Fraktion für Hilfsmittel beim BVMed-Gesprächskreis Gesundheit am 8. Mai 2019 in Berlin. Kühnes klare Botschaft zum Thema Hilfsmittel-Ausschreibungen: "Die Exzesse mancher Krankenkassen mussten verhindert werden." Minister Spahn habe nun die "Brachiallösung" des Verbots der Ausschreibungen im Hilfsmittelbereich im TSVG verankert. Weiterlesen


©1999 - 2019 BVMed e.V., Berlin – Portal für Medizintechnik